Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Amos 5, 24
Es ist manchmal schwer, sich hinzusetzen und eine Andacht zu schreiben. Es wird nicht besser durch meine Angewohnheit, mit dem Start zu lange zu warten. Druck, Sie verstehen.
Drei Monatssprüche zur Auswahl, denn es ist ein Sommeranzeiger. Der Juli klingt irgendwie verheißungsvoll: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Amos 5, 24
Aber Amos. Altes Testament. Ein ziemlicher Pessimist und Unheilsverkünder. Er hat Heuschrecken, Feuerregen und Krieg parat.
Bei den Heuschrecken bleib ich hängen.
Liegt am Zirpen einer Grille direkt vor dem Fenster. Sie nervt ziemlich. Seit einer Stunde reibt dieser Grillenmann Schrillleiste an Schrillkante wie eine Geigenvirtuose, aber leider kann er nur einen Ton. Es ist eine Sechzehntel Figur die zunächst gar nicht bemerkt wird, dann im Ohr schreit, in ihrer Dauerhaftigkeit dann das Fließen der Gedanken befeuert (Mordlust, wo ist die Fliegenklatsche) dann aber plötzlich entspannend wirkt und am Ende beruhigend.
Krass. Sommernachtsgeräusche!
Und aus dem nie versiegenden Bach bei Amos wird mit einem Mal das nie versiegende Zirpen einer Grille. Das Weibchen lockend und das Revier gegenüber Rivalen markierend. Unablässig, unermüdlich, mit der Präzision eines Uhrwerks und produziert nur durch das Reiben der Flügel aneinander. Je wärmer die Temperatur, desto ausdauernder die Melodie.
Konsequent, beharrlich, beruhigend. Am Ende einschläfernd.
Es ströme aber das Recht, wie das Zirpen einer Grille im Sommer. Auch schön. Beruhigend.
Und was ist, wenn es kalt wird?
Dann verstummt das Recht und die Gerechtigkeit hat ein Frostloch.
So wie unsere Erde gerade. Gefühlt. Überall wird Recht gebrochen und was Gerechtigkeit ist, bestimmen die Mächtigen. Mehr, denn seit langem.
Mir gefällt Gottes Zusage vom Recht, welches wie Wasser strömt und nie versiegt, doch besser.
Seine Gerechtigkeit bedeutet Recht für alle, gleiche Liebe zu jedem seiner Geschöpfe. (Übrigens auch zur Grille )
Er beurteilt uns alle gleich, sieht uns alle mit Augen voll Güte und Gnade an.
Immer. Konsequent, beharrlich. Ausdauernd.
Nicht lockend, betörend, revierabgrenzend, verteidigend.
Nicht aufdringlich, nervig, schlafstörend.
Sondern warm, hoffnungsfroh, liebevoll, heiter, tröstend und befreiend.
Wie eine laue Sommernacht. Aber nicht nur in lauen Sommernächten.
Auch in unseren frostigen Raunächten.
Jeden Tag.
Oliver Henke